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  Gedenkrede zum Attentat am 20. Juli 1944
 

Dr. Eberhard Fritz, Altshausen



Gedenkrede am 20. Juli 2015 in Lautlingen anlässlich des 71. Jahrestags
des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944




Verehrte Familie Stauffenberg,
sehr geehrte Damen und Herren,

zum heutigen Anlass möchte ich Ihnen eine wahre Geschichte erzählen. Sie ereignete sich Sommer 1944 in meinem Heimatdorf, also in der Zeit um das Attentat auf Adolf Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze. Im Rahmen meiner historischen Recherchen zur örtlichen Geschichte hat man sie mir erzählt. Ausgemergelte und erschöpfte KZ-Häftlinge mussten damals eine Gasleitung durch die Gemeinden des Ermstals graben. Es war wegen des harten, steinigen Untergrundes eine wahre Sklavenarbeit. Durch eine unzureichende Ernährung waren die Männer völlig abgemagert. Eine Frau hatte Mitleid mit diesen Männern und warf ihnen Brot und Äpfel in die Baugrube hinunter. Dies bemerkte ein Wachmann, kam auf sie zu und sagte zu ihr, wenn sie das noch einmal mache, werde sie selber ins Konzentrationslager gebracht werden. Als ich meiner Mutter, die die Frau natürlich gekannt hatte, diese Begebenheit erzählte, sagte sie, das könne sie kaum glauben. Die Frau habe als hartherzig gegolten, es war „koi Guata“. Nachdenklich wurde meine Mutter, als ich zu ihr sagte: Vielleicht war ein Mann, ein Sohn, ein Bruder, ein Freund als Soldat irgendwo im Krieg. Vielleicht dachte die Frau: wenn ich diesen halb verhungerten Männern helfe, dann wird auch jemand irgendwo im Krieg dort draußen in der Ferne einem meiner Angehörigen in Not helfen. Vielleicht aber ließ sie sich auch spontan anrühren vom unsäglichen Elend der gequälten Menschen in der Baugrube. Wir wissen nicht, was sie zu dieser mitmenschlichen Geste veranlasste.

Was hat nun diese unspektakuläre Geschichte einer Frau, deren Namen ich bewusst unerwähnt lassen möchte, zu tun mit der im wahrsten Sinne des Wortes hollywoodreifen Geschichte des Grafen Claus Schenk von Stauffenberg und seinen Mitverschwörern, welche im öffentlichen Bewusstsein deutlich hinter ihn zurücktreten? Wieviel edler ist es, wenn Familienväter wie die Brüder Schenk von Stauffenberg oder ihr Cousin Cäsar von Hofacker mit einer Schar von Kindern ihr Leben einsetzen, um einen Diktator zu beseitigen und damit den Tod unzähliger Menschen und die Zerstörung vieler Städte zu verhindern? Was ist die kleine Geste der Frau gegen das heldenhafte Unternehmen des Verschwörerkreises von Offizieren und schließlich des Attentäters vom 20. Juli 1944?

Vielleicht ist es gut, dass Sie heute einen Historiker eingeladen haben, um die Gedenkrede zum 71. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 zu halten. Denn die historische Forschung hat sich sehr eingehend mit dem Widerstand gegen Adolf Hitler und das nationalsozialistische Regime beschäftigt. Das Spektrum bewegt sich zwischen den beiden Geschichten, zwischen einer alltäglichen kleinen Geste des Anstandes und der Humanität, und den großen Aktionen wie den Elser- und den Stauffenberg-Attentaten. Denn eines ist auch klar: Um ein Attentat auf den tyrannischen Diktator Adolf Hitler zu verüben, musste man ihm erst einmal nahe kommen. Diese Möglichkeit hatten nur wenige, zumal Hitler natürlich sehr stark bewacht wurde und einen siebten Sinn dafür zu haben schien, wenn ihm Gefahr drohte. Insbesondere untersuchten Historiker die Motive widerständiger Personen aus ganz unterschiedlichen Milieus. Und sie machten ein erstaunliche Entdeckung: Man kann kein einheitliches Motiv und keine typischen Persönlichkeiten feststellen. Natürlich gab es Christen oder Kommunisten, die aus ihrer inneren Überzeugung heraus Widerstand leisteten und dafür harte Sanktionen bis hin zum Tod auf sich nahmen. Ich bin aufgrund meiner Recherchen fest davon überzeugt, dass die Brüder Stauffenberg ohne ihre tiefe Verwurzelung im katholischen Glauben nicht in der Lage gewesen wären, ihre Anschlagspläne auszuführen. In diesem Zusammenhang ist das feine, weit gesponnene Widerstandsnetz um das Kloster Beuron und dessen eigensinnigem Erzabt Raphael Walzer interessant. Auch der Protestant Georg Elser, der 1938 im Bürgerbräukeller München einen Anschlag auf Hitler verübte, sagte im Verhör, er sei nicht sehr religiös, habe aber vor dem Attentat häufig und regelmäßig eine Kirche aufgesucht, um dort zu beten.

Aber es gab auch viele Menschen, bei denen sich keine unmittelbare religiöse oder weltanschauliche Einstellung feststellen lässt. Völlig unauffällige Männer und Frauen, Mitläufer also, setzten von heute auf morgen ihr Leben aufs Spiel, um verfolgten Menschen zu helfen. Niemand hätte von ihnen erwartet, dass ausgerechnet sie zu einem derart existenziellen und gefährlichen Risiko bereit gewesen wären. Es gab glühende Nationalsozialisten, die vom Schicksal eines einzelnen Menschen oder einer Familie jüdischen Glaubens auf eine derart eigenartige Weise berührt wurden, dass sie diese versteckten und vor dem Tod bewahrten. Im Extremfall schrien sie dann bei den Kundgebungen mit allen anderen „Tod den Juden!“. Es gab unauffällige Zeitgenossen, die von heute auf morgen einem bedrängten Menschen Schutz boten. Manchmal reichte eine kurze Begegnung, ein anrührender Moment, um diese im wahrsten Sinne des Wortes todesmutige Hilfsbereitschaft auszulösen. Der bekannte Radio- und Fernsehmoderator Hans Rosenthal erzählte in seinen Erinnerungen „Zwei Leben in Deutschland“ sehr eindrücklich, wie eine gewöhnliche Frau aus Berlin ihm als jüdischem Jungen ganz unspektakulär und wie selbstverständlich jahrelang Unterschlupf in ihrer Gartenlaube bot und ihn mit Lebensmitteln versorgte. Das Essen ging auf Kosten ihrer Lebensmittelmarken. In der Laube überlebte Hans Rosenthal den Krieg. Wenn wir dann an den ebenfalls hollywoodreifen Fabrikanten Oskar Schindler denken, begegnet uns eine sehr schillernde Persönlichkeit, ein Mann, der eigentlich nicht dem Stereotyp eines selbstlosen Helfers entsprach. Er rettete Hunderten von Menschen jüdischen Glaubens das Leben.

Diese Untersuchungen werfen ein ganz neues Bild auf das Wort „Heldentum“, ein Wort, das durch den Missbrauch im Ersten Weltkrieg und in der Zeit des Nationalsozialismus während meiner Jugend zum Unwort geworden war. Mein Vater erzählte oft, wie er als 19-jähriger Kriegsgefangener im großen amerikanischen Lager bei Andernach mit unzähligen anderen Gefangenen auf offenem Gelände hatte vegetieren müssen, an der Ruhr erkrankte und fast daran gestorben wäre. Diese existenzielle Erfahrung belastete ihn sein ganzes Leben lang, obwohl er den Amerikanern immer sehr hoch anrechnete, dass sie alles Menschenmögliche getan hatten, um das riesige Lager zu versorgen. Im Schmutz und Elend von Andernach blieb wenig übrig vom Bild des heldenhaften Kämpfers für den Führer und für Großdeutschland, wie man es den männlichen Jugendlichen während ihrer Pubertätsjahre im Jungvolk und in der Hitlerjugend eingetrichtert hatte. Die stark wahrnehmbare traumatische Belastung meines Vaters hat auf mich abgefärbt. Ich tue mich schwer mit nationalem Pathos, und so sehr ich den Fußballfans die Freude an den Spielen unserer Nationalmannschaft und ihren Erfolgen gönne, so sehr befremdet mich bis heute das Fahnenmeer während der Weltmeisterschaften.

Dennoch möchte ich dieses Wort „Held“ benutzen, um mit Ihnen über die Helden des großen und kleinen Widerstands nachzudenken. Wenn man die Menschen, welche durch kleine oder große Widerstandshandlungen dem unmenschlichen NS-Regime in die Speichen griffen, als Helden bezeichnet, dann waren es keine makellosen, strahlenden Gestalten. Es gibt da diese recht bekannte sperrige Äußerung von Claus Graf Stauffenberg in einem Brief an seine Frau Nina aus dem Polenfeldzug 1939: Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausende von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. Das passt nun gar nicht zu dem Mann, der als schwerbehinderter Offizier unter Einsatz seines Lebens Adolf Hitler umbringen wollte. Das ist nun wirklich nicht hollywoodreif, die Biografen tun sich erkennbar schwer damit. Es ist auch schwer vorstellbar, dass der Offizier Claus Graf Stauffenberg am Beginn des Zweiten Weltkriegs dem Krieg an sich ablehnend gegenüber stand. Dafür war er ausgebildet, hier konnte er sich bewähren.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit setzte erst im Lauf der Zeit, als der Größenwahnsinn Hitlers spürbar wurde, bei Stauffenberg ein Gesinnungswandel ein. Er kannte Menschen, die sich schon seit Beginn des so genannten „Dritten Reiches“ unter Einsatz ihres Lebens den braunen Machthabern entgegengestellt hatten, beispielsweise Mitglieder des Hauses Württemberg. Herzog Carl Alexander von Württemberg trug als Benediktinermönch den Ordensnamen Pater Odo. Er war 1933 wegen seiner entschiedenen Ablehnung des Nationalsozialismus aus Württemberg ausgewiesen worden, 1934 aus dem Deutschen Reich. Selbst in der Schweiz, wo er im Kloster Einsiedeln Zuflucht fand, fürchtete er um sein Leben und floh in die Vereinigten Staaten. Darüber waren die Brüder Stauffenberg, deren Vater als Leiter der Vermögensverwaltung für das Haus Württemberg gearbeitet hatte, unterrichtet. Vielleicht lag darin einer der Impulse der Brüder für das Engagement im Widerstand. Übrigens war auch Pater Odo kein einfacher Mensch, denn er ließ seine Mitbrüder durchaus immer wieder seine Stellung als Mitglied einer hochadeligen Familie spüren. Der Abt und die Mönche hatten es im Kloster nicht leicht mit ihm, das ist immer wieder bezeugt.

Andererseits bin ich durch meine Forschungen dem Grafen Claus Schenk von Stauffenberg näher gekommen. Da zeigen sich auch im normalen Leben Seiten, die man so nicht erwartet hätte. Man stellt sich ja Helden immer einsam, sehr ernst und schicksalsschwer vor. Bei Claus Graf Stauffenberg ist es anders. Auf dem Hochzeitsfoto sieht man ihn und seine Frau Nina von Lerchenfeld als sehr verliebtes Paar. Das Bild unterscheidet sich deutlich von anderen gestellten, ernsten Hochzeitsfotos in adeligen und großbürgerlichen Familien der damaligen Zeit. Es gibt auch eine Fotografie, wo die beiden lachend auf einer Treppe sitzen, er in seiner Uniform. Das ist für einen Soldaten der damaligen Zeit eher ungewöhnlich. Wenn man die Familienbilder anschaut, sieht man auf manchen einen ausgelassenen Menschen, dem offensichtlich auch manchmal der Schalk im Nacken saß. Und wenn man dann in den Briefen liest, wo er an einen Freund schreibt Die Nina lässt grüßen, dann spürt man trotz der sehr häufigen Trennungen eine große emotionale Nähe zu seiner Frau. Claus Graf Stauffenberg war also durchaus kein weltabgewandter Asket, kein einsamer, verbohrter Idealist. Dies wiederum verbindet ihn mit dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der in seiner Jugend kein sehr fleißiger Student, aber ein flotter Tänzer gewesen ist, auf dem Klavier auch einmal die gerade aktuellen Schlager spielte und gerne Feste mitfeierte. Das erzählte mir vor Jahrzehnten ein mit ihm befreundeter Pfarrer, der mit ihm in Berlin studiert hatte. Bonhoeffer wurde noch kurz vor Ende des Krieges wegen seines Widerstandes gegen den Nationalsozialismus im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet.

Es ist doch gut und tröstlich zu wissen, dass sich hinter den widerständigen Personen keine makellosen Helden verstecken, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Menschen mit Ecken und Kanten, mit Fehlern und Widersprüchen. Menschen, die mitten im Leben standen und die schönen Seiten genießen konnten. Unfehlbare und unnahbare Heldengestalten würden uns den Mut nehmen, sie als Vorbilder zu betrachten. Es stimmt schon, was Jan Romein 1948 in seinem Werk „Die Biographie. Einführung in ihre Geschichte und ihre Problematik“ geschrieben hat: Genau besehen handelt es sich nämlich um eine Herabwürdigung des Helden, wenn man ihn fleckenfrei reibt oder – noch extremer – ihn zu legendärer Größe erhebt. Denn in seinen Fehlern … steckt ja ein Stück seiner Menschlichkeit, und gerade in dieser Menschlichkeit versteckt sich wiederum seine Bedeutung. Würden wir die Helden als ideale, fleckenfreie Menschen sehen, dann hätten sie mit unserem Leben nichts zu tun. Wir würden leblose Denkmäler verehren, Relikte aus einer schwierigen Vergangenheit. So aber können wir uns ermutigt fühlen, dass vielleicht auch wir einmal den Mut aufbringen, uns in schwierigen Situationen über das übliche Maß hinaus zu engagieren. Auch heute noch muss man sich manchmal entgegen dem verhalten, was man auf neudeutsch den „Mainstream“ nennt, ob im Großen oder im Kleinen.

Wenn wir uns aus Anlass des 71. Jahrestages des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 hier in Lautlingen zur Gedenkstunde versammelt haben, dann ehren wir die Grafen Claus und Berthold Schenk von Stauffenberg, den Cousin Cäsar von Hofacker. Sie und viele andere aus dem Widerstandskreis haben ihr Leben dafür eingesetzt, dass der wahnsinnige Krieg gestoppt würde und die Diktatur ein Ende nähme. Wir denken dankbar an die Mitglieder des Kreisauer Kreises und andere Männer in verantwortlichen Positionen, die den Mut hatten, konspirativ gegen Hitler und seine Clique vorzugehen. Wir ehren auch die Ehefrauen, die ohne ihr Mitwissen um das Attentat die Konsequenzen der Tat ihrer Männer tragen mussten. Als Witwen erlitten sie Verhöre und Gefängnisstrafen und mussten dann die Kinder ohne den Vater erziehen.

Aber die widerständigen Menschen aus der Familie Stauffenberg und ihrem Umfeld sollen ebenso für all diejenigen stehen, die dem unmenschlichen System mit größeren oder kleineren Taten mutig begegneten. Beispielhaft für sie steht die namenlose Frau, welche Brot und Äpfel in die Baugrube warf. Wir verneigen uns vor allen Menschen, die das Risiko eingingen und die Menschlichkeit über die persönliche Gefahr stellten. Unweigerlich denkt man an den Bibelvers aus der Erzählung vom Weltgericht im Matthäus-Evangelium, wo Jesus sagt: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. Ich denke, der Vers gilt für alle diese Menschen, ob sie nun religiös eingestellt waren oder nicht.

Diese Gedenkrede hatte ich schon weitgehend vorbereitet, als am vergangenen Samstag die neue Ausgabe des „Spiegel“ mit der Post kam. Dort steht ein Artikel über den Umgang mit den Widerstandskämpfern des Dritten Reiches nach 1945. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte niemand mehr etwas von ihnen wissen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich das allmählich geändert. Im Sinne dessen, was ich im Gedenken an sie gesagt habe, möchte ich mit den letzten Sätzen aus diesem Artikel schließen. Er fasst den Grundgedanken meiner Gedenkrede prägnant und treffend zusammen: Die einfache Botschaft dieser Menschen lautete: Man kann immer etwas tun. Es waren nicht viele, aber viel mehr, als wir bisher wahrhaben wollten. Wir sollten sie alle für unsere Zeit, für unsere Zukunft entdecken.



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